Fluchtpunkte

Acrylmalerei auf Leinwand 80 x 80 cm, 2020

Abstrakte Acrylmalerei, 2020. Würfel in warmen Farbtönen kommen von einem linken Fluchtpunkt bis vor den Betrachter, biegen rechtwinklig ab und verschwinden dann in der Ferne in einem zweiten Fluchtpunkt. Auf dem Boden markiert eine gelbe Bahn als Spiegelbild die Bahn der Würfel.

Die Idee

Während der Anfahrt zu einem Malkurs der Kunstakademie Allgäu, “Innen- und Außenwelt” von Sid Gastl, spielte ich im Kopf mit stark abstrahierten Bildideen zum Thema Wolken und Landschaft. Die Darstellung sollte diesmal nicht (wie sonst für mich typisch) am Computer konstruiert werden, sondern auf einer Vorzeichnung einfach skizzierbar sein.
Dabei kam mir die Idee, die mitgebrachte quadratische Leinwand um 45° zu drehen und ein rautenförmiges Motiv zu entwickeln. Die erste Erkenntnis war, dass die rechte und linke Ecke eine besondere Rolle in der Wahrnehmung spielt. Das Motiv muss sich daran orientieren. Seine Bildinhalte sollen verstärkt und nicht behindert werden. Beim ursprünglichen Thema heißt das, dass die Horizontlinie durch die Ecken gehen muss. In der Folge war dann schnell klar, dass die Eckpunkte außerdem identisch mit den zwei Fluchtpunkten sein müssen. Das Konzept bewirkt als Zugabe, dass alle Leinwandkanten automatisch als Bestandteil einer Fluchtbewegung wahrgenommen werden. Das Bild wird dadurch später “in Bewegung” geraten. Ohne diese Zuordnung würde die Leinwandkante eher als willkürliche Bildbegrenzung empfunden statt als Bildbestandteil.

Bildaufteilung

Mit diesen Bedingungen war vorbestimmt, dass die untere Hälfte des Bilds zum Boden, und die obere Hälfte zum Himmel gehört. Dabei ergibt sich zunächst eine relativ langweilige Aufteilung des Bilds in zwei Hälften.

Flugbahnen

Im ersten, im Kopf entstandenen Entwurf sollte eine Reihe von Wolken von Fluchtpunkt links aus nach vorn “fliegen” und zum Eckpunkt rechts hin wieder abziehen. Die Wolken sollten würfelförmig abstrahiert dargestellt werden. In der Realität würden diese Wolken eher eine gekrümmte Bahn beschreiben. Zum Leinwandformat passt wiederum ein eckiger Verlauf besser. Ich entschied mich für eine Linie von links, die nach rechts scharf um 90° zum zweiten Fluchtpunkt abknickt. Um dem Bild Spannung zu geben, verlegte ich den Abbiegepunkt aus der Mitte heraus nach rechts. Nach dem Festlegen von Position und Größe des vordersten Würfels wählte ich die restlichen Würfelpositionen so, dass der Eindruck eines Abbremsens der Würfel zum Abbiegepunkt entsteht. Ansonsten bliebe der Abbiegepunkt unplausibel.

Wolken

Die Wolken sollten ursprünglich lasierend weiß/grau auf einem blauen Himmelsuntergrund realisiert werden. Allerdings stellte sich die Frage, wie eine tendenziell würfelförmige Wolke akzeptabel dargestellt werden kann. Eine solche Übermalung bekommt leicht eine Ausrichtung, die kein befriedigendes Volumen mehr erkennen lässt. In dieser Situation diskutierte ich mit dem Kursleiter und bekam die Anregung, in dem bereits stark abstrakten Aufbau die Wolken nicht mehr “naturalistisch” darzustellen, sondern weiter zu abstrahieren. Damit stellte sich die Frage, wie die jetzt “soliden” Würfel gefärbt werden sollten. Ich machte mich im Internet auf der Suche nach Wolkenbildern mit extremer Farbstimmung und fand eines, das einen Sonnenuntergang mit flach von der rechten Seite beleuchteten Wolken mit einem Farbdreiklang “rechts beige-orange, links orangerot, unten dunkelrot” vor einem Horizont “oben dunkelblau, unten weißgrau” zeigte. Diese Farbstimmung habe ich 1:1 für meine Wolkenwürfel kopiert.
Siehe die Entwurfszeichnung mit den ersten Farben:

Himmel

Den Himmel habe ich mit den zwei aus dem Foto entnommenen Farben bogenförmig gestaltet. Zum Erzielen eines weichen Farbübergangs habe ich noch eine Mischfarbe für die mittelhohe Zone abgemischt. Alle drei Farben wurden nass-in-nass verarbeitet. Der Verlauf wurde später noch einmal mit dem Grauweiß überlasiert, weil er unten zu dunkel war.

Boden

Zur weiteren Verbesserung der räumlichen Wirkung habe ich eine Projektion der Flugbahn auf dem Boden genau “unter” den Würfeln als “blühendes Feld” gezeichnet. Für die Farbgestaltung fand ich wieder entsprechende Acker- und Wiesenfotos als Vorlage. Das gewählte Grün war von Anfang an passend zur Farbstimmung. Das erste Gelb war hingegen zu kalt und musste passend zum Sonnenuntergang mit Rot aufgewärmt werden. Der am Anfang grünlich-braune Acker im Vordergrund passte farblich ebenfalls nicht und wurde auch mit Rot nachgebessert.

Schatten

Um die Perspektivwirkung zu weiter verstärken, hätte ich für jeden Würfel einen Schatten auf dem Boden konstruieren können. Das hätte aber die abstrakte Wirkung reduziert. Außerdem müssten die Schatten relativ weit hinten erscheinen, da die Sonne sehr flach steht.

Ausführung

Wäre ich meinem ursprünglichen Impuls gefolgt, hätte ich die Farbflächen völlig gleichmäßig zugemalt, oder laut Sid Gastl, “angestrichen”. Nach einiger Diskussion habe ich mich darauf eingelassen, die Pinselführung deutlich sichtbar zu belassen. Das Ergebnis sieht wirklich lebendiger aus.

Dankeschön!

vor allem an Sid Gastl für seine Offenheit und die vielen Anregungen. Ich hatte viel Spaß, vor allem bei den Diskussionen über Kunst und Physik!

den Teilnehmern des Kurses für Diskussionen, Mut machen und vieles Andere

der Kunstakademie Allgäu für die tolle Organisation, besonders so kurz vor dem nächsten Lockdown…